Kathrin Kaiser    

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   HILFSGÜTERTRANSPORT NACH POLEN


Tagebucheintrag

Montag, 07.03.2022
20:00 Uhr
Bin voll aufgeregt. Habe gerade ein Telefonat mit Chris beendet. Hatte ihn gefragt, wie es ihnen geht, weil seine Frau doch Ukrainerin ist und da bestimmt die Nerven blank liegen. Er erzählte mir, dass sie seit Tagen fast nichts anderes mehr machen, wie Spenden sammeln und Hilfsgütertransporte organisieren. Sie haben direkten Kontakt zu Verwandten und Organisatoren vor Ort, haben keine Sprachbarrieren und sind natürlich aus privaten Gründen hoch motiviert, so viel wie möglich zu erreichen. Sie haben schon ganz schön was auf die Beine gestellt. Für das SKM Augsburg wurden bis jetzt schon über 30.000,-€ an Spenden gesammelt und zusätzlich von Firmen und Apotheken Sachspenden erfolgreich erfragt. Aber nicht wahlloses Zeug, was eh wegmusste, sondern wirklich nach einer Bedarfsliste dringlich benötigte Sachen. Das Finanzamt Augsburg hat zum Beispiel eine Palette Verbandskästen dazu gesteuert. Chris meinte, jetzt muss aber auch Medizin hin, er wird wohl einmal mit dem Flugzeug rüber fliegen, statt mit dem Van fahren. Spontan habe ich unter Vorbehalt, da ich eine Kinderbetreuung organisieren musste, zugesagt, mitzukommen.

Dienstag, 08.03.2022
08:00 Uhr
Kinderbetreuung steht, Oma kommt. Diesmal gab es keine Diskussion, nur die mütterliche Angst: „Mädchen, pass auf Dich auf, Du hast auch zwei Kinder, für die Du da sein musst!“ Aber es stand außer Frage, dass sie bei diesem Grund kommt. Sie weiß genau, worum es hier geht.
09:00 Uhr
Habe mir rote Kreuze – Aufkleber bestellt. Keine Ahnung, wie die Stimmung dort ist und es steht noch nicht genau fest bis wohin wir fliegen, wie weit wir an die Grenze kommen oder wie nervös die Leute werden, wenn sie meine US-amerikanischen Sterne auf den Flügeln sehen. Die Aufkleber dauern normalerweise 4-5 Tage, aber ich habe die Firma MES in St. Augustin gefunden und die hat sofort zugesagt, in diesem Ausnahmefall sogar heute Mittag abholbereit fertig zu werden. 20% Rabatt gab es auch noch als Hilfe ihrerseits. Danke.
10:00 Uhr
Zeit, meinen Chef einzuweihen, dass ich heute früher gehen und morgen frei nehmen muss. Zum Glück hat er Verständnis dafür. Vorsorglich fragte er aber dann doch, ob ich dann Donnerstag zur Arbeit komme. Mit Sicherheit, verspreche ich ihm, aber evtl. später. Es zeichnet sich ab, dass es zeitlich wirklich knapp werden kann, mit den Öffnungszeiten von Hangelar, die natürlich an den Sonnenuntergang gebunden sind. Es gibt mehrere Möglichkeiten, falls ich es nicht schaffe. Entweder auf dem Rückweg irgendwo runtergehen und bei Verwandten schlafen, die wie eine Perlenkette überall von Ost nach West wohnen. Bautzen, Gera, Jena, Erfurt und Fulda sind auf dieser Strecke meine Optionen. Oder es bis Siegerland schaffen, dort würde mich ein Bekannter abholen und nach Hause fahren. Oder aber in den sauren Apfel beißen und bis Köln fliegen. NVFR habe ich und wenn ich bis 21:59 Uhr lande, bewegen sich die Kosten um die 300€. Ab 22 Uhr wird man wie 16Tonnen abgerechnet, also das ist ein absolutes No Go!!
11:00 Uhr
Während der Arbeit immer wieder ein Wettercheck, die Ecke um Lublin sieht übel aus und wird nicht besser, Vereisung bis zum Boden, verdammt! Habe mit Chris geschrieben, ich werde heute noch nach Augsburg fliegen und wir werden alles was temperaturunabhängig ist heute schon verladen. Apropos Temperatur. Ich rief mein Freund Manfred in Augsburg an, ob er mir bitte seinen Hallenplatz für diese Nacht zur Verfügung stellt, damit mein Flugzeug morgen früh nicht tiefgefroren ist und sich der Abflug deshalb um schnell mal eine Stunde verspätet, jede Minute zählt. Gebongt, ich bekomme den Platz. Wieder Danke!!
12:00 Uhr
Mittagspause. Wetter check, immer noch verdammt!! Jetzt telefonieren wir alle möglichen Flugplätze ab. Chris und ich haben uns verschiedene ausgesucht, die günstig liegen und uns aufgeteilt, wer sich mit welchem beschäftigt und alle möglichen Informationen sammelt. Viele fallen weg, da sie nur am Wochenende auf haben, kein Avgas haben, zu hohe Landegebühren kosten oder zu kurze Runways für uns haben, wenn wir mit MTOW starten wollen. Gerade die kurzen Grasbahnen, die dort fast nur von UL’s beflogen werden. Nach und nach dünnt sich das Feld.
14:00 Uhr
Vorzeitiger Feierabend. Ich komme mit den Aufklebern in Hangelar an. Hier ist schönstes Wetter, aber auf der ganzen Strecke habe ich leider Wind aus Süden, also von vorn und zwar nicht wenig. Ganz oben ist es sogar bisschen weniger, okay damit steht meine Flugvorbereitung, schließlich bin ich diese Strecke in allen erdenklichen Varianten schon geflogen. Flieger checken, fertig machen, tanken und Motor warmlaufen lassen dauert heute nur 45 Minuten und schon heb ich ab. Es ist mega bockig, das nervt ganz schön. Erst ab 5000ft wird es endlich ruhiger. Bei Koblenz bin ich schon in FL95, was aber natürlich dem Gegenwind geschuldet ist und da ich jetzt sehr leicht unterwegs bin. Hatte alles aus dem Flugzeug geräumt, was keine Miete zahlt um mehr Platz und Zuladung für die Hilfsgüter zu haben. Vollgetankt und mit mir auf dem Pilotensitz kann ich immer noch gute 200kg einpacken. Bestes Flugzeug eben <3
17:15 Uhr
Endlich in Augsburg gelandet, hier ist bisschen Fön, blöd, fast augenblicklich habe ich Kopfschmerzen. Flugzeug tanke ich für einen inzwischen schon ziemlich hohen Preis. Der Tankstellenwärter hilft mir noch die Grumman in den Hangar zu schieben und inzwischen ist Chris mit seiner Frau angekommen. Der Kombi platzt fast aus allen Nähten. Wow, das soll alles mit? Ja und es ist noch nicht alles, am nächsten Morgen kommen noch die Medikamente, wo es auf die richtige Transporttemperatur ankommt. Nach zwei Stunden waren zwei Grumman Traveler mit folgendem beladen: Taschenlampen, Akkupowerpacks, Decken, Schlafsäcke, Isomatten, Gaffer-Tape, Batterien, Verbandszeug, Material für Zugänge und Infusionen, Blutstiller, Hygieneartikel, Säuglings- und Kinderversorgung. Am nächsten Tag kommt noch das ganze Insulin und die Medikamente dazu. Alles wurde gewogen, bevor es verladen wurde. Am Ende habe ich meine Aufkleber noch aufs Seitenruder geklebt und irgendwann waren wir dann auch endlich fertig.
20:00 Uhr
Natürlich bin ich bei Chris zu Hause für diese Übernachtung. Die sind inzwischen sowieso schon enger zusammengerückt, da sie ein Teil der ukrainischen Familie bei sich selbst einquartiert haben, da kommt es auf mich auch nicht mehr an. Wir setzten uns mit einem Snack in eine Ecke und machen die Flugpläne für den nächsten Tag. Dabei haben wir abwechselnd ein Baby und ein 3jährigen auf unserem Schoß, der mir die Käsewürfel vom Teller nascht...
Das Wetter gibt uns dir Route vor. Tschechien werden wir überfliegen. Und wir bestellen die Autos zu einem Platz östlich von Lodz, wo die Sachen direkt abgeholt und zu ihrem Ziel gebracht werden. Das Risiko ist zu groß, es selbst dorthin zu versuchen, da Chris am nächsten Tag auf Dienstreise muss und ich auch möglichst wieder in mein Büro. Wir einigen uns darauf, als Formation zu fliegen. Die Flugpläne sind schnell gemacht und abgeschickt. Prompt kommt ein Anruf von der DFS, da noch etwas geändert werden musste. Eine Teilstrecke in Tschechien zwischen Wegpunkten war zu lang, die sollten möglichst höchstens 30 Minuten betragen. Seine Vorschläge waren für uns aber akzeptabel und wir haben die so übernommen. Ab ins Bett, es ist inzwischen spät..

Mittwoch, 09.03.2022
05:30 Uhr
Beim ersten Weckerklingeln war ich wach und schaltete ihn sofort aus um niemand anderen zu wecken. Katzenwäsche, Kaffee, fertig
06:50 Uhr
Brrrr, es ist soooo kalt. Obwohl der Flughafen erst 7 Uhr öffnet, dürfen wir aber schon zum Hangar. Schnell laden wir noch die letzten Pakete ein und ziehen die Flieger in die Morgensonne. Trotzdem zieht sich schnell eine Frostschicht über die Flügel. Also keine Zeit verlieren und los. Die Motoren lieben die Kälte und wir heben beizeiten kurz hintereinander ab. Das schön am Fliegen in der Früh ist ja (meistens) die ruhige Luft. Die Sichten sind fantastisch, bis zu den golden angestrahlten Alpen kann man sehen und trotz allem kann ich nicht anders als diesen Moment zu genießen. Trotzdem bin ich natürlich aufmerksam als Nummer 2 in der Formation ständig damit beschäftigt, meine Performance an die von Chris anzupassen.
Chris übernimmt den Funk für uns beide, aber auch ich muss immer auf Nachfrage Höhen, Richtung, QNH und Frequenzen bestätigen. Einmal gab es kurz einen spannenden Moment, als Chris nicht erreichbar war und ich den Funk für die Formation übernehmen musste, ohne zu wissen, was bei ihm los ist. Die Anweisung, dass wir wegen einer aktiven Militärzone voraus sofort von FL65 auf unter 4000ft sinken müssen konnte ich ihm nicht weitergeben. Im letzten Moment war er wieder da, dafür ging es dann sehr steil bergab. Er war aus Versehen wieder auf die vorherige Frequenz und hatte das schlichtweg nicht gehört. Die sind aber innerhalb einer Minute so nervös geworden, dass die ihn da schnell über Funk wiedergefunden hatten.
11:00 Uhr
EPGL - Gliwice – deutscher Name Gleiwitz. Unser Tankstopp ist die 4. größte Stadt Schlesiens, wo meine Vorfahren herkommen. Am 31.08.1939 überfielen 4 SS-Männer verkleidet als polnische Partisanen den Sender von Gleiwitz, um einen Vorwand für den deutschen Überfall auf Polen zu liefern. In seiner Rede vor dem Reichstag am nächsten Morgen sprach Hitler zum Überfall auf Polen auch davon, dass „ab 5:45Uhr zurückgeschossen werde“. Meine Großeltern sind damals von hier geflohen mit fast nichts, nur was sie tragen konnten. Hätten ihnen damals nicht völlig fremde Menschen während ihre Flucht geholfen, hätten sie niemals durchhalten und neu anfangen können. Es ist ein großer ehemaliger Militärflugplatz, sauber und modern. Zur Zeit wird eines der riesigen Gebäude renoviert. Die Polen auf diesem Platz sind furchtbar nett, junge Männer vom Fliegerklub betankten meine Maschine, während ich schnell zum Hauptgebäude rannte, um mich zu erleichtern. Neben dem Gebäude steht eine alte MIG-21 auf Stelzen. Die Tankrechnung konnte ich in bar (in Euro) bezahlen und das Landegeld auch. Der Sprit ist mit 2 Euro deutlich günstiger als in Deutschland. Eine Banane als Energieschub und weiter gehts.
13:00 Uhr
EPPT – Piotrkow Trybunalski. Etwas südöstlich von Lodz. Bis hier waren wir von der Wetterfront, die man im Osten schon sah, verschont geblieben und auch die nächste Stunde noch sicher. Zur großen Überraschung gab es doch AvGas, obwohl das gestern noch dementiert wurde. Perfekt. Aber jetzt erstmal alles ausladen. Das Auto durfte aufs Vorfeld kommen und zu dritt haben wir in Null Komma nichts alles aus meinem Flieger ausgeladen. Chris hatte nicht ganz so viel Zeitdruck, da Augsburg bis 21 Uhr offen hat.
Der Ukrainer, der die Sachen aus meinem Flieger in seinen PKW lud war der Schwager von Chris, seit Tagen engagiert als Schnittstelle bei Erstaufnahmen zu helfen und zu übersetzen. Emotional war die Begrüßung der beiden, herzliche Bedankungen bekam ich und ein liebevolles Lunchpaket für den Rückflug. Die Jungs hatten noch etwas Zeit, sich zu unterhalten. Auch darüber, was mit ihren Cousins und Freunden ist, die es nicht mehr über die Grenze geschafft haben, deren Frauen und Kinder aber schon in Polen auf Hilfe warten.
Da ich hier nichts mehr machen konnte und wie auf Kohlen saß, verabschiedete ich mich. Weil ich auftanken konnte, konnte ich den Heimflug nämlich auch in einem Stück fliegen und wenn ich mich beeilte, brauchte ich auch nicht nach Köln zum Landen. Unterwegs, kurz nach der deutschen Grenze, als das rechtzeitige Erreichen von Hangelar für mich sicher war, änderte ich meinen Flugplan direkt bei FIS.
19:00 Uhr
Hangelar, die Frisur sitzt nicht mehr , aber das Flugzeug ist eingepackt und festgezurrt. Ein Freund hat extra auf mich gewartet, um mich zu begrüßen, wie lieb. Ich bin allerdings total kaputt von den 10 Stunden im Flugzeug sitzen. Nichtsdestotrotz würde ich die Aktion immer wieder machen. Ich habe Lena in Augsburg angesehen, wie ihr diese Katastrophe zu schaffen macht und wie sie kämpft für ihre Familie, für Freunde und für Fremde.





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